Morbus Scheuermann


Der Morbus Scheuermann (Scheuermann-Krankheit) ist eine relativ häufige Wirbelsäulenerkrankung, die insbesondere im Kindes- und Jugendalter auftritt. Charakteristisch für die Scheuermann-Krankheit ist die Ausbildung eines Rundrückens im Bereich der Brustwirbelsäule. Während die gesunde Brustwirbelsäule nur ein wenig nach hinten gekrümmt ist, ist diese Kyphose (Krümmung) bei Morbus Scheuermann stärker ausgebildet. Nur in sehr seltenen Fällen tritt die Scheuermannsche Krankheit auch im Bereich der Lendenwirbelsäule auf und kann durch eine krankhaft ausgebildete Kyphose zu einem Flachrücken in diesem Abschnitt der Wirbelsäule führen.

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Was ist Morbus Scheuermann und wie entsteht er?

Für die Entstehung des Morbus Scheuermann gibt es verschiedene Erklärungen. Die Ätiologie ist aber bis heute noch nicht genau erforscht. Man vermutet, dass die Scheuermannsche Krankheit einerseits aufgrund von angeborenen bzw. endogenen Faktoren entsteht. Andererseits wird er durch Stoffwechselerkrankungen oder mechanische Belastungen der Wirbelsäule hervorgerufen.

Die Wachstumsstörung tritt im Jugendalter auf und betrifft die Grund- und Deckenplatten der Brust- und/oder der Lendenwirbelsäule. Hierbei kommt es zu einem erhöhten Druck auf Wirbelkörper und Bandscheiben. Vorne werden die Wirbel weiter eingedrückt, sodass sich die vermehrte Rundrückenbildung einstellt.

Scheuermanns disease / Morbus Scheuermann
Häufig entwickelt sich neben der Scheuermann-Krankheit auch eine sogenannte Morbus Scheuermann-Skoliose. Seltener führt die Erkrankung auch zu verfrühten Abnutzungserscheinungen der Bandscheiben. Im zweiten oder dritten Lebensjahrzent kann dies unter Umständen zu einer Versteifung der Wirbelsäule führen. Zur Kompensation der eingeschränkten Beweglichkeit der Wirbelsäule kann so durch Morbus Scheuermann ein Hohlkreuz entstehen.

Krankheitsbezeichnung und Synonyme für Morbus Scheuermann

Morbus Scheuermann wurde nach Dr. Holger W. Scheuermann (1877- 1960), der die Krankheit 1921 beschrieb, benannt. Morbus ist das lateinische Wort für Krankheit. Da die Wirbelsäulenerkrankung Morbus Scheuermann sich vor allem im Kinder- und Jugendalter ausbildet, wird die Erkrankung häufig auch als

  • Adoleszentenkyphose,
  • juvenile Osteochondrose oder
  • juvenile Kyphose

bezeichnet. Weitere Synonyme sind

  • Scheuermann-Krankheit,
  • Scheuermannsche Krankheit und
  • aseptische Osteochondrose.

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Zur Häufigkeit (Epidemiologie) von Morbus Scheuermann

Die Scheuermannsche Krankheit ist eine der häufigsten Erkrankungen an der Wirbelsäule. Jungen sind in einem Verhältnis von zwei zu eins häufiger betroffen als Mädchen. Die Scheuermann-Krankheit tritt in der späten Kindheitsphase und frühen Phase der Adoleszenz auf. Etwa 1 bis 8 Prozent der Bevölkerung sind im Durchschnitt etwa an Morbus Scheuermann erkrankt. Die Symptome und Auswirkungen der Erkrankung zeigen sich anfangs noch gar nicht.

Ursachen der Scheuermann-Krankheit

In der späten Kindheit und in der Adoleszenzphase kommt es häufig zu einem Ungleichgewicht zwischen Belastung und Belastbarkeit der Wirbelsäule. Denn Kinder haben mit ca. acht Jahren noch keine sehr gut ausgebildete Muskulatur zum Schutz der Wirbelsäule, insbesondere der Brustwirbelsäule. Vor allem vor dem Hintergrund eines Bewegungsmangels vieler Kinder, ist die Muskulatur häufig zu schwach, um die Belastung durch den Schulalltag etc. auszugleichen. Eine Überlastung der Brustwirbelsäule ist die Folge und kann das Auftreten des Morbus Scheuermann begünstigen.

Darüber hinaus geht man davon aus, dass auch Stoffwechselerkrankungen oder endogene Faktoren wie genetisch bedingte Faktoren Morbus Scheuermann verursachen können. Auch hormonelle Veränderungen (endogener Faktor) können eine Rolle spielen. Die Scheuermann-Krankheit hat demnach verschiedene Ursachen; die Ätiologie ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht. Es wird aber davon ausgegangen, dass sich die verschiedenen Ursachen gegenseitig beeinflussen und verstärken können.

Die Scheuermannsche Krankheit wird heute mehrheitlich den sogenannten Osteochondysplasien zugeordnet. Hierunter versteht man Störungen des Wachstums und der Entwicklung von Knochen und Knorpel. Früher wurde die Erkrankung vor allem zu den aseptischen Osteochondrosen gezählt, aus diesem Grund wird in seltenen Fällen auch noch von einer aseptischen Osteochondrose gesprochen.

Es besteht der Konsens, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Man vermutet eine autosomal-dominante Vererbung. Des Weiteren wird ein Zusammenhang zwischen Morbus Scheuermann und einer allgemeinen Wachstumsverzögerung des Skeletts.

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Symptome bei Morbus Scheuermann

Bei der Mehrzahl der betroffenen Patienten verläuft die Scheuermannsche Krankheit in der Zeit der Wachstumsstörung, also im Kindes- und Jugendalter, ohne Schmerzen oder andere Symptome. Nur eine kleine Gruppe der Patienten leidet unter Rückenschmerzen. Beschwerden treten in den meisten Fällen erst durch die Überlastungen infolge der Veränderungen und Degenerationen der Wirbelsäule im Erwachsenenalter, vor allem zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, auf. Die Erkrankung wird deshalb häufig erst im Erwachsenenalter festgestellt.

Durch die Wachstumsstörung der Grund- und Deckenplatten der Brustwirbelsäule werden auch die Hals- und Lendenwirbelsäule mit ihren dazugehörigen Bandscheiben und Knorpeln etc. überlastet. In der Folge treten entsprechende Schmerzen auf. Außerdem kann sich ein Hohlkreuz ausbilden, um die Verminderung der Beweglichkeit der Brustwirbelsäule durch eine Überbeweglichkeit der Lendenwirbelsäule auszugleichen. Durch die Veränderungen der Brust- oder Lendenwirbelsäule können neben Rückenschmerzen auch vermehrt Verspannungen im Nacken und andere Muskelverspannungen auftreten.

Damit leiden betroffene Patienten häufig unter Bewegungseinschränkungen und Steifheit in den entsprechenden Abschnitten der Wirbelsäule und degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule und der Bandscheiben. Da die Scheuermannsche Krankheit eine Wachstumserkrankung ist, kommt auch das pathologische Wachstum des Morbus Scheuermann mit ungefähr 18 Jahren zum Ende.

Durch eine fortschreitende Rundrücken- und Hohlkreuzbildung kann es auch zu starken lokalen Beschwerden kommen. Hierzu gehören vor allem ausstrahlende Schmerzen bis in die Arme und Beine. Starke Schmerzen durch die Muskelverspannungen im Rücken sowie Schmerzen der Bänder und Gelenke können vom Morbus Scheuermann mit Beendigung des Wachstums, selten früher, hervorgerufen werden.

Diagnose der Scheuermannschen Krankheit

Da die Scheuermann-Krankheit eine Wachstumsstörung der Wirbelsäule im Jugendalter ist, sich die Beschwerden allerdings erst im Erwachsenalter äußern, ist Morbus Scheuermann häufig ein Zufallsbefund. Bei den Spätfolgen, die erst im Erwachsenenalter auftreten, spricht man jedoch nicht mehr von der Erkrankung Morbus Scheuermann, da sich das pathologische Wachstum mit dem Ende des Wachstums der Patienten einstellt. Im Erwachsenenalter ist dann die Rede von Zustand nach Morbus Scheuermann.

Die betroffenen Patienten weisen in der Regel auch Symptome wie den Rundrücken auf, was schon mit bloßem Auge zu erkennen ist. Ein ausführliches Anamnesegespräch zwischen Arzt und Patient ist immer auch wichtig für eine Differentialdiagnose oder den Ausschluss anderer Erkrankungen. Des Weiteren erfolgt eine körperliche Untersuchung, bei welcher beispielsweise die Beweglichkeit überprüft wird und ein erster Eindruck des Schweregrads bezüglich eines Rundrückens oder eines Hohlkreuzes gewonnen werden kann.

Nach der körperlichen Untersuchung erfolgt die bildgebende Diagnostik. Um den Schwergrad der Deformität feststellen zu können, sollte eine Aufnahme der gesamten Wirbelsäule gemacht werden. Mittels einer Aufnahme von der Seite kann zusätzlich auch das Ausmaß der Deformität der Wirbelkörper festgestellt werden. Mithilfe der Computertomographie (CT) und der Magnetresonanztomographie (MRT) werden nur in wenigen Fällen zusätzliche Informationen geliefert. Bei der Beurteilung von Frühformen des Morbus Scheuermann können diese bildgebenden Verfahren jedoch von Vorteil sein. Vor allem dann, wenn die Röntgenaufnahmen keine Deformität der Knochen zeigen, kann eine Schädigung der Weichteile vermutet werden. Wenn eine Schädigung der Bandscheiben oder anderer Weichteile vorliegt, ist die MRT auch das diagnostische Instrument der Wahl.

Behandlung der Scheuermann-Krankheit

Die Therapie der Scheuermann-Krankheit bzw. des Zustandes nach Morbus Scheuermann richtet sich nach dem Ausmaß der Wachstumsstörung und den Spätfolgen der Erkrankung. Für die Therapie ist der Schweregrad der Erkrankung wichtig. Diesen kann der Arzt anhand der Röntgenaufnahmen und einer bestimmten Form einer Winkelmessungsmethode bestimmen.

Befindet sich der Patient noch im Wachstum und dauert die Wachstumsstörung damit noch an, können physiotherapeutische Übungen zur Druckentlastung das weitere Fortschreiten verhindern, insofern die Scheuermann-Krankheit früh genug erkannt wurde. Eine ausgeprägte Scheuermannsche Krankheit kann für eine kurze Zeit auch mithilfe eines Korsetts bzw. einer Orthese therapiert werden.

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CC BY-SA 3.0, Link

Grundsätzlich stehen neben den konservativen Behandlungsmethoden auch operative Verfahren zur Verfügung. Allerdings kommen nur bei sehr schwerwiegenden Spätfolgen des Morbus Scheuermann operative Therapieverfahren in Betracht.

In der Regel bleibt die Scheuermann-Krankheit jedoch unentdeckt, sodass die verschiedenen Möglichkeiten einer Behandlung nicht zum Einsatz kommen. Bei Beschwerden ist Patienten in der Regel jedoch zu raten, durch Bewegung, Sport und eine Physiotherapie die Rückenmuskulatur zu stärken, zu entlasten und zu entspannen und ein Fortschreiten der Bewegungseinschränkung zu verhindern.

Ein solches Training, sei es gegen ein Fortschreiten der Scheuermann-Krankheit, bei Beschwerden bei dem Zustand nach Morbus Scheuermann oder bei anderen Wirbelsäulenerkrankungen, bei denen es sich nicht um Verschleißerscheinungen handelt, beinhaltet ein gezieltes Training zum Beispiel aus

  • Kräftigungsübungen,
  • Schwimmen,
  • Entspannungsübungen und
  • Rückengymnastik.

In den meisten Fällen ist es möglich, dass die von Morbus Scheuermann Betroffenen keinen Verlust an Lebensqualität einbüßen müssen, insofern sie eine sachgemäße Lebensweise befolgen.

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Vorbeugung von Morbus Scheuermann

Da die Ursachen des Morbus Scheuermann noch weitgehend unerforscht sind, ist es schwierig, der Erkrankung durch einen bestimmten Lebensstil vorzubeugen. Vielmehr geht es darum, möglichst beschwerdefrei mit der diagnostizierten Scheuermann-Krankheit zu leben. Dies wird durch entsprechende Behandlungsmaßnahmen, wie Krankengymnastik, Sport, Bewegung und eventuell das Tragen eines stützenden Korsetts, ermöglicht.

Je früher die Scheuermannsche Krankheit diagnostiziert und dementsprechend auch behandelt wird, desto geringer ist das Risiko, an Spätfolgen und deren Beschweren im Erwachsenenalter zu leiden. Um die Symptome und das Fortschreiten der Scheuermann-Krankheit während des Wachstums einzudämmen, sind an die Patienten angepasste physiotherapeutische Übungen notwendig. Die Übungen sollten unter medizinischer Anleitung erlernt werden und anschließend auch selbstständig zu Hause weitergeführt und in den Alltag integriert werden.

Mediziner vermuten, dass auch das Ungleichgewicht zwischen Belastung und Belastbarkeit der Wirbelsäule von Kindern und Jugendlichen eine Rolle bei der Entstehung von Morbus Scheuermann spielen könnte. Deshalb ist es wichtig, dass insbesondere Kinder und Jugendliche (auch zur Vorbeugung anderer Erkrankungen des Rückens und der Wirbelsäule) durch regelmäßigen, Wirbelsäule schonenden Sport die Rücken-, Rumpf- und Bauchmuskulatur stärken. Denn eine gut ausgebildete Muskulatur schützt die Knochen, Knorpel und Bandscheiben vor Schäden und Verletzungen. Das wichtigste ist demnach, dass sich kranke wie gesunde Kinder und Jugendliche bewegen, um beweglich und aufrecht zu bleiben und das Aufkommen von Beschwerden im Erwachsenenalter zu verhindern.